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Gender Gap am Stammtisch · 2008-06-10

Letztens gab es ja diese mediensause um die besonders ungerechte bezahlung von frauen in deutschland. Gestern hoer ick da so eine eigenartige these vom provinz-deutschen mitte-der-gesellschaft stammtisch. Danach laege diese 'gefuehlte' ungerechtigkeit nur an der unterschiedlichen erwerbsbeteiligung der frauen hier und in den scheinbar gerechteren laendern. Da dachte ick mir "klingt komisch". Woher kommt denn dit? Weil ick dit, wie gesagt, vom provinz-deutschen mitte-der-gesellschaft stammtisch jehoert hatte, hab ich auf "Die Welt" getippt ... und richtig. Da steht es unter der ueberschrift "Gleichberechtigung hoert beim Lohn auf" und es wird als woertliche rede des E.U. sozialkommisars Spidla in tuettelchen gesetzt:

"Das Gefaelle ist allerdings auch deshalb so gross, weil die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt vergleichsweise hoeher ist als zum Beispiel in Malta. Je geringer die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt ist, desto niedriger ist im Allgemeinen auch das Lohngefaelle."

Da hab ick jedacht: 'wat?' und dann hab ick mir den "BERICHT DER KOMMISSION AN DEN RAT, DAS EUROPAEISCHE PARLAMENT, DEN EUROPAEISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SOZIALAUSSCHUSS UND DEN AUSSCHUSS DER REGIONEN zur Gleichstellung von Frauen und Maennern – 2007", die in der Welt uebrigens nirgends als quelle genannt wird, jestern mal runtergeladen. Es gibt in dem heft dann wirklich einen tabellenanhang, in dem 'Gender Gap', also die differenz der erwerbsbeteiligung zwischen maennern und frauen in den einzelnen eu-staaten, und 'Pay Gap', also die differenz in den loehnen zwischen maennern und frauen, aufgelistet waren. Da stand bei deutschland auch die oft zitierte '22%'. Das ist wohl das papier, von der alle reden.

Ick, natuerlich nich faul, gleich mal in R eingelesen die beiden tabellen und einen plot gemacht und, um mal ein wenig struktur reinzubringen, eine primitive lineare regression drueberottern lassen. Hier das ergebnis. In hellgrau sehen wir das ergebnis der linearen regression, in rot die grenzen des 2,5%-konfidenzintervalls und an den seiten die randverteilungen als boxplots:

gender gap thumb

Wat soll ick sagen? Wo bitte laesst sich denn die these vom Spidla, wenn er sie denn wie zitiert geaeussert hat, ablesen? Selbst wenn ich Malta drin lasse, obwohl es schwer nach nem ausreisser aussieht, ist der zusammenhang alles andere als robust.

Wenn ich mal hergeh' und Malta rauskante - wer weiss, wie die zu den unterliegenden zahlen gekommen sind - ist der zusammenhang im 2,5er konfidenzintervall nichtmal mehr sicher als verschieden 0 anzunehmen. Dann gaebe es nichtmal mehr einen zusammenhang.

gender gap mit malta thumb

Wenn ick dann, als letztes noch hergeh' und die mittelmeeranreiner Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und Malta als kulturkreis betrachte, mit dem das deutsche sozialgefuege selten verglichen wird und auch - und gerade vom provinzstammtisch - ungern verglichen werden will, dann fliegt mir die ganze these komplett um die ohren. Was dann bleibt ist eben eine besonders hohe ungleichheit der bezahlung von maennern und frauen in deutschland. Erklaeransaetze, anyone?

Aber ist ja klar, wenn es in die weltsicht passt, wird der wachsweicheste unsinn zitiert. Naiv-froehliche empirie, wuerd ich sagen. Am besten man haelt sich fern von provinz-deutschen mitte-der-gesellschaft stammtischen, dann muss man sich auch nicht aufregen. Stattdessen kann man coverversionen von Trios Da Da Da hoeren und auch gucken ... dit is erfreulicher.

Senor Coconut Trio Screenshot

  1. — manu    Jun 10, 22:56    #

    Großartig!

  2. Antje    Jun 11, 09:53    #

    Auch ich hatte aufgrund der mageren Quellenangaben in sämtlichen Meldungen mal bei der EU gesucht und folgenden Artikel von Spidla von 2008 gefunden: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-80-07-135/EN/KS-80-07-135-EN.PDF

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