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Diese F.A.Z., was ist das? · 2007-10-18

Was jetzt kommt ist schon ne woche alt. Es nervt mich aber immer noch. Deswegen jetzt doch mein kommentar.

Ihr kennt doch alle diese F.A.Z.. Frankfurter Allgemeine Zeitung heisst die abkuerzung. Dieses blatt fuehrt sich ewig wie die letzte verbliebene serioese zeitung am deutschen blaetterfirmament auf. Ein feuchter kehrricht ist sie. Warum? Das kann ich kurz an der ausgabe vom 10.10.2007 zeigen.

An eben diesem tage hab ich mir mal ein exemplar gegeben. Und es geht schon bei den beiden kommentaren, die jetzt nicht mehr in fraktur ueberschrieben sind, los. Christian Schwaegerl kommentiert die verleihung des physiknobelpreises an einen deutschen, der ein verkannter star sei und jene frische neugierde vorlebt, "die in einer alternden gesellschaft ..." ach ja klar, denkste dir, die alternde gesellschaft, ohne die geht kein exemplar mehr in druck. Man wendet sich also dem naechsten kommentar zu. Hier geht es um die beginnende buchmesse und es wird umhergeschwurbelt, wie schoen es sei, dass die jeweils bestverkaufenden autoren im letzten jahr der papst und der dalai lama waren und dass wir das neue interesse an der transzendenz nicht als "Eskapismus einer alternden Gesellschaft" ... und wieder die fixe idee von den geronten. Bis hier hin kommts einem nur eigenartig vor. Man rollt ein wenig mit den augen und meint 'na ja, ein wenig tattrig geworden, das prachtblatt, aber immernoch ein schwergewicht'. Aber allet quatsch.

Am 10.10. wurde in der F.A.Z. auch ein thema behandelt, bei dem ich meine mitreden zu koennen. Am 10.10.2007 wurde das verfassungsschutzgesetz von nordrheinwestfalen im hinblick auf die dort moegliche 'verdeckte online-durchsuchung' durch den landesverfassungsschutz, nicht durch polizeikraefte wohlgemerkt, vom bundesverfassungsgericht verhandelt.

Wir wissen, dass unser innenminister hier einige eisen im feuer hat, die das bundesverfassungsgericht ihm schnell kalt werden lassen kann. Wer springt ihm also am 10. oktober mit einem beitrag und einem kommentar bei? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dass die F.A.Z. eine politische agenda verfolgt, muss man nicht, sollte man vielleicht auch nicht kritisieren, dass sie es plump tut, kann man kritisieren, dass sie dabei so brachial inkompetent wie am 10. oktober argumentiert, allerdings, darf nicht sein.

Es geht wie gesagt um zwei beitraege. Um den kommentar "Perverser Grundrechtsschutz" von Reinhardt Mueller auf seite 10 und den fachlichen artikel "Die Angst vorm Bundestrojaner" von Stefan Tomik auf seite 4. Tomik bringt im mittelteil argumente, die man bringen kann, wenn man pro innenminister argumentiert - Ich will jetzt nicht wieder die liste der gegenargumente herbeten - Er rueckt die bedenkenenden in die naehe alarmistischer angsthasen. Kurz, er fackelt routiniert sein journalistenprogramm ab. Das ganze tut er ohne sich gross mit den juristischen und technischen fragen zu befassen. Als aufhaenger des ganzen pamphlets nimmt er aber gerade das thema 'phishing', das klauen von nutzernahmen, passworten und bankverbindungsdaten von rechnern. Damit legt Tomik nahe, dass per onlinedurchsuchung etwas gegen die steigende internetkriminalitaet getan werde. Dies ist falsch. Man moechte nur die gleichen werkzeuge benutzen duerfen und am ende das gleiche tun, wie die internetverbrecher.

Nochmal fuer Sie Herr Tomik. An dem tag, an dem wir das 'phishing' wirksam bekaempft haben, ist die onlinedurchsuchung wertlos, denn sie ist nichts, aber auch gar nichts, anderes als phishing. Aber das weis der Herr Tomik, denn er bittet uns leser, uns nicht aufzuregen, denn wenn deutsche sicherheitsbehoerden solche phishing-werkzeuge verwenden, sei das doch allemal besser, als wenn das wer anders mache. Oder anders: Wenn das BKA bei mir einbricht ist das sicher viel besser, als wenn marodierende banden von auswaerts das tun. Ist es das, was sie mir sagen wollen? Das problem,was er verschweigt ist aber, dass nicht die einen oder die anderen sondern beide am ende bei mir einbrechen.

Was haben wir nun ueber den autor gelernt? Entweder hat er keine ahnung von dem, was er da schreibt oder er versorgt uns wissentlich mit halbwahrheiten und gelogenem. Weil Herr Tomik bei der F.A.Z. ist wollen wir mal annehmen, dass letzteres nicht stimmt. Herr Tomik hat also keine ahnung.

Kommen wir also zu Herrn Mueller und seinem kommentar. Auch hier die argumente, die wir kennen. "Nur ein paar faelle pro jahr. Was ist das gegen den verhinderten massenmord? ... keine polizeiliche standardmasznahme ... angesichts der konkret drohenden Gefahr...". Ja, ja, schon klar und schon hundert mal drauf geantwortet. Es geht aber an diesem 10.10. vor dem BVG nicht um das onlinedurchsuchen als polizeiliche masznahme, sondern als geheimdienstliche. Es geht um ein verfassungsschutzgesetz, kein polizeigesetz. Der unterschied ist betraechtlich, denn im gegensatz zur polizei duerfen die dienste in deutschland niemanden festnehmen, gefangen halten oder anders im polizeilichen sinn zwang ausueben. Die vermischung von polizei und geheimdienst ist doch gerade das problem. Ein problem, das Mueller in seinem kommentar glatt unterschlaegt.

Statt dessen schreibt er, der groesste anznehmende unfall bei solchen lauschangriffen sei, dass zwei menschen bei intimitaeten im bett belauscht werden. Falsch, herr Mueller. Der groesste anzunehmende unfall ist, dass jemand sich nicht in die raeume irgendeiner organisation traut, in der er sich eigentlich politisch betaetigen wollte, weil er fuerchten muss dort abgehoert zu werden. Das ist der unfall, herr Mueller. Der unfall, der geeignet ist die gesellschaftliche oppostion zu hindern oder gar zu unterbinden. Schade, dass sie kein ostler sind, herr Mueller. Was, in des herrgotts namen, haben sie fuer ein staatsverstaendnis?

Ein komisches blatt, diese F.A.Z.. Irgendwo zwischen der fixen idee vom aussterbenden deutschtum und paternalistischem staatsverstaendnis wird mir fachlich halbgares serviert. Danke auch. Bei mir baumelt nun die frage im raum rum "sind die immer so bei der F.A.Z.? ... oder doch nur, wenn sie ihre heimliche agenda verfolgen?" Ich meine einstweilen "immer" und les' wieder was anderes.

(laut Kantel war die F.A.Z. am 11.10. gleich wieder lustig)


  1. Juergen    Oct 18, 14:20    #
    imho ist die faz, neben manchmal der sueddeutschen, die einzige zeitung, die man lesen kann. (die nzz aus den bergen laeuft ausser konkurrenz.)

    und das, weil man sich wirklich ueber manches lange und fundiert aufregen kann. so wie du es vormachst.

    andere zeitungen sind einfach zu platt, selbst die widerhaken sind stumpf. (ich brauche keine zeitung, die mich vordergruendig zufriedenstimmt, so wellness fuer die peer group.)

    aber nun hat die faz das einzigartige aufgegeben, wobei ich eigentlich nicht der fraktur nachtrauere. es ist das zeitgeistig-luftige layout voller leerstellen. es sind die zunehmenden interviews, mit denen man seiten fuellt, ohne selbst zu schreiben.

    anyway, sag mir, was man sonst lesen kann.
  2. haken    Oct 18, 15:53    #
    ...ich habe ja gehofft, mich fundiert aufregen zu koennen. Ich hatte gehofft, wenn die jungs von der F.A.Z. ihrem Schaeuble beispringen, dann bekommt man in feinem deutsch alle bedenkenswerten argumente vorgetragen. Stattdessen halbgares, nebelkerzen und falsches. Das ist wurstblattstil.
  3. Juergen    Oct 19, 07:34    #
    ich gebe dir recht, das blatt war ‘mal besser und naehert sich zur zeit dem boulevard. (wahrscheinlich ist’s die strategie der marketingtruppe wegen sinkender absaetze.)

    aber schau ‘mal in den sonstigen blaetterwald: unterirdisch.
  4. cohu    Oct 19, 08:38    #
    Die Kommentare darf man traditionell nicht lesen, da stellen sich die Nackenhaare auf.
    Ich fände es eigentlich kein Problem, dass die FAZ eine Agenda hat – die hat z.B. die taz auch, nur, sie versteht es halt, diese wesentlich intelligenter, ironischer, subtiler zu vermitteln. Dabei sind FAZ und taz beide meilenweit von meinem Weltbild entfernt, aber dieses dumpfe Wertgeschwafel von den Frankfurtern ertrage ich nicht!
    Und dieser Tomik-Artikel war eine schlecht oder gar nicht recherchierte Unverschämtheit. Vom Sachverstand her ist aber z.B. die SZ auch nicht viel besser. Recherchieren braucht man nicht mehr, man ist ja Journalist.
    Habe alle Abos abbestellt, die deutschen Tageszeitungen sind für die Katz.
  5. — Dulle    Oct 25, 20:38    #
    Mein Verdacht geht in die gleiche Richtung: Man kann gar keine Zeitung lesen, ohne sich aufzuregen. Dazu werden sie geradezu gedruckt.
    Leute, die dialektisch denken wollen/können, werden einfach nicht Journalist.

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